Der Spielmannszug

Mit der Gründung der „Freien Turngemeinde Bickenbach (FTG)“ im Jahre 1919 beginnt die Geschichte des heutigen Musikcorps Bickenbach. Die als Spielmannszug gegründete Abteilung der Freien Turner trat vor allem anlässlich von Turnfesten auf. Gespielt wurde auf durch Pfeifen, Trommeln und der Lyra (Glockenspiel). Später kamen Fanfaren und Landsknechttrommeln dazu. 

Die Geschichte des Vereins spiegelt auch ein Stück Zeitgeschichte wider. Das Jahr 1919 war das erste Jahr einer demokratischen Republik in Deutschland und das Jahr nach dem Ende eines großen, verlustreichen Weltkrieges. Nach dem Krieg hatten die Menschen erhebliche Sorgen zur Bewältigung des täglichen Lebens. Trotzdem wurde das Vereinswesen sofort wieder intensiviert. Das Turnwesen hatte schon im 19. Jahrhundert eine große Bedeutung „zur Bildung von Körper und Charakter im Hinblick auf eine Stärkung der Wehrhaftigkeit des deutschen Volkes“ und hatte somit gesellschaftspolitische Bedeutung. Die Turnerorganisation war zunächst national und liberal geprägt. Später nahm die deutsche Turnerschaft einen eher konservativen Charakter an. Bereits im Jahre 1897 war in Bickenbach ein Turnverein unter der Organisation des Deutschen Turnerbundes gegründet worden, der sich bis zum Ausbruch des 2. Weltkrieges hielt. Diesem Turnverein war schon vor Ausbruch des 1. Weltkrieges eine „Musik“ angeschlossen. Nach der mündlichen Überlieferung von Ludwig Ganser fand vor 1914 in den Sommermonaten unter Anleitung eines Militärmusikers im Range eines Gefreiten oder Unteroffiziers sonntags morgens nach dem Kirchgang die Ausbildung statt. Diese Musiker gehörten der Regimentskapelle „1. Großherzoglich Hessische Leibgarde, Infanterieregiment No. 115“ in Darmstadt an. Auf der „Gänsweide“ neben dem Landbach, am Hintergraben, fanden die Übungsstunden statt. Da nicht genügend Trommeln vorhanden waren, wurde auf Holzklötzen mit selbst angefertigten Trommelstecken geübt. In dieser Zeit war es üblich, die verstorbenen Angehörigen vom hiesigen Kriegerverein unter Trommelwirbel zu Grabe zu tragen. Es war eine Ehre, als Trommler vom Dienst in dieser Veteranenvereinigung benannt zu werden. Wie eine Fotografie aus dem Jahre 1935 belegt, war dies auch in Bickenbach so.

Unter dem Dach des im Jahre 1893 gegründeten Arbeiter-Turner-Bundes, der seine Wurzeln in der Arbeiterbewegung hatte, wurde in Bickenbach im Jahre 1919 die Freie Turngemeinde gegründet. Wie bei den Turnern üblich, trugen auch die Spielleute das Outfit der Turner: ganz in weiß. Der Spielmannszug bestand aus Pfeifern und Trommlern nach militärischem Muster. Es wurden vor allem Straßenmärsche und Volkslieder gespielt. Auch die Tradition des „Weckrufes“ gehört wohl unter die Kategorie „Militär“. Bei den Arbeitersportvereinen war es Brauch, Turnfeste durch einen morgendlichen Weckruf anzukündigen. Wie aus einer alten Festschrift ersichtlich wurde so ein Weckruf vor den Turn- und Sportfesten im Sommer bereits um 5.00 Uhr festgesetzt. Dieser Brauch hat sich auch beim Bickenbacher Spielmannszug bis Ende der 60er Jahre gehalten. Der 1. Mai und der Frühschoppen am Volksfestsonntag wurde mit einem „Weckruf“ in den Straßen und Gassen angekündigt, allerdings nicht mehr ganz so früh wie bei den früheren Turnfesten.

Einer der Gründer des Spielmannszuges 1919 war Philipp Pühler, der seiner Zeit die Initiative zur Gründung der Freien Turnerschaft unterstützt hat. Der Mann der ersten Stunde war Stabführer Philipp Baumunk. Im Jahre 1927 folgte ihm Georg Gilbert, der dem Spielmannszug bis 1933 vorstand. Weil ja die Freien Turner zur Arbeitersportbewegung (Arbeiterturnerbund) gehörten, haben die Nationalsozialisten im Jahre 1933 auch dort zugeschlagen. Sie beschlagnahmten die Instrumente und gaben sie nicht eher frei, bis sich die Spielleute bereit erklärten, im Rahmen bzw. unter der SA weiterzuspielen. Eines Tages wurden die Fahnen, Noten und sonstige Schriften der Freien Turner und des Spielmannszuges sowie des Arbeitergesangsvereins „Liederzweig“ eingesammelt und auf dem Marktplatz öffentlich verbrannt. „Ein abendlicher Fackelzug beendete diesen Tag.“ Nur die handgefertigte Fahnenspitze hat in einem Versteck diese Zeit überdauert und wurde mehr durch Zufall wieder entdeckt. Sie befindet sich heute im Heimatmuseum.

Von 1933 bis 1934 wurde Wilhelm Ganzert mit der Leitung des Spielmannszuges beauftragt. Ihm folgte bis 1939 Heinrich Groh aus Zwingenberg. Vermutlich wurden die Instrumente unter dem fortbestehenden Turnverein wieder aufgenommen. In den Jahren 1939 bis 1951 (Krieg und Nachkriegszeit) musste das Musizieren dann ganz eingestellt werden. Auch aus den Reihen des Spielmannszuges waren einige Spielleute vom Krieg nicht mehr zurückgekehrt.